reisemedizin  REISEMEDIZIN - BERICHT: DR KONGO

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In der Abenddämmerung taucht beim Anflug auf Kinshasa der Kongo auf - "le fleuve", wie ihn die Einheimischen ob seiner schieren Größe nennen, schlängelt sich mäandrisch durch die Buschlandschaft, unterbrochen durch einzelne Sandbänke, die ockerfarben im letzten Licht der untergehenden Sonne leuchten.

Idylle bei Kinshasa
Idylle bei Kinshasa

Ich bin wieder in Afrika. In der Ankunftshalle des Flughafens herrscht ein Leben, wie man es in Deutschland nie antreffen wird. TUI hat hier kein Büro. Statt dessen Menschen, die sich wild gestikulierend zwischen halsstreckend geschrienen Mitteilungen und gelöstem Lachen bewegen, schwere Taschen wuchten. Unter den Uniformierten sind Weißkittel mit einem abgewaschenen roten Kreuz, die Impfausweise kontrollieren. Hinter brüchigen Scheiben eines Bretterverschlages kontrollieren finster dreinschauende Beamte mit weißen Hemden meinen Paß. Es ist in dieser unübersichtlichen Lage nicht erkennbar, wer wofür zuständig ist.

Victor, ein guter Bekannter aus Kinshasa, den man für mich extra herbeorderte erledigt alles für mich. In weniger als einer Minute habe ich meinen Paß und den Impfausweis abgegeben und er schiebt mich durch diverse Kontrollen - nur mit dem nötigsten Handgepäck ausgestattet - hinaus vor das Flughafengebäude. Hier ist es weniger hektisch, aber es will mir nur langsam gelingen zur Ruhe zu kommen, während wir das erste "Primus" trinken - ein herrliches Bier, kühl in 0.72 Liter-Flaschen, eine Labsal in der feuchten Hitze. Ganz ohne Paß und eigenes Gepäck bleibe ich unruhig. Es dauert eine Stunde und dann kommen in kurzem Abstand mein Koffer und mein Rucksack, später bringt ein Uniformierter meinen Impfausweis, bald danach ein anderer meinen Paß. Sie bleiben eine Weile, bis mir klar wird, daß sie für Ihre Mühen ein kleines Geld erwarten. Schon sind zweimal 20 Dollar weg. Das war's. Wie sich herausstellen sollte, ist das die bequemste und billigste Art anzukommen.

Verkehr
Straßenszene

Taxis? Gibt es hier nicht, nur Privatleute, die ihr Auto hier und da als solches ausgeben. Wer sich auf das Angebot für ein Taxi einläßt landet gerne vor den Toren der Stadt und wird dort im günstigsten Fall in der Unterwäsche zurückgelassen. Es herrschen harte Gesetze, und schon die Beraterin des Justizministers, die neben mir im Flugzeug saß riet mir, im Zweifelsfall niemandem zu trauen.

Und dennoch, auf der Fahrt in die Stadt wirkt alles so normal. Chaotisch, laut, von heißen Rhythmen der kongolesischen Musik untermalt wie ich es aus Bamako in Mali oder Antananarivo auf Madagaskar auch kenne. Victor hat einen verläßlichen Transport organisiert. In dem alternden Mercedes 240 fahren wir auf der permanent verstopften Strasse in der Dunkelheit die langen 25 km bis ins Zentrum. An der Straße bewegen sich Menschmassen, Frauen die Benzinkanister auf dem Kopf balancieren, andere die Waren feilbieten oder einfach auf dem Mittelstreifen dieser Strasse in den dicken Dieselschwaden schlafen. Dieses ungeordnete Leben, das hier parallel abläuft läßt eine Art Glücksgefühl aufkommen. Die geordnete Strenge mit Regelungen bis in die kleinsten Details des Lebens, wie sie in Deutschland immer mehr Einzug hält, liegt weit hinter mir.

Und doch ist hier alles ganz anders als es zunächst den Anschein hat. Seit August 1998 wütete in diesem nicht nur an Bodenschätzen reichen Land ein Krieg. Diesem fielen laut einer Untersuchung aus der renommierten Medizinfachzeitung The Lancet mindestens 3.8 Millionen Menschen zum Opfer, die wir in Deutschland kaum wahrgenommen haben. Daneben hat der Krieg viele Verletzungen hinterlassen - Verstümmelungen, in Militärregionen wie Kasai-Oriental eine enorme AIDS-Rate durch marodierende Truppen. Auf meiner Reise kann ich sehen, wie die sicher schon zuvor armselige Infrastruktur des Landes durch den Krieg noch weiter zusammenbrach.

Aber zunächst bin ich in Kinshasa. In der Hauptstadt der Demokratischen Republik Congo. Und hier ist der Stolz zu spüren mit Hochhäusern und schmucken Villen in Diplomatenviertel, die den Reichtum der im Land geschürften Diamanten widerspiegeln.

Hauptstrasse
Hauptstraße in Lodja

Ganz anders die Situation in Lodja, dem regionalen Zentrum im Norden von Kasai Oriental, einer Provinz im Herzen des Congo. Lodja erstreckt sich über eine enorme Fläche, besteht aus Hütten und nur im Zentrum findet man auch zweistöckige Häuser. Hier leben mehr als 10000 Menschen, die im Jahre 2000 durch Plünderungen, Vergewaltigungen und sinnlose Morde von ruandischen Truppen in die umliegenden Wälder vertrieben wurden und erst langsam seit drei Jahren wieder zurückkehrten. Trotz der Größe der Stadt gibt es dort fast nichts: Nachts taucht sie ins Dunkel unter, unterbrochen nur durch Petroleumlampen einzelner Menschen die sich dies leisten können oder durch die vielen flackernden Holzfeuer vor den Hütten, die der Stadt bis in die frühen Morgenstunden eine enorme Rauchschwade und den Menschen viel Husten bescheren. Elektrizität gibt es nicht, solange man keinen Generator hat. Die Zahl der Autos dürfte bei unter zehn liegen, nur die Reichen der Stadt fahren ein Motorrad. Immerhin kostet ein Liter Benzin im Moment 700 congolesische Francs, was mehr als 1.50 US Dollar sind. Dies ist nur für wenige Privilegierte erschwinglich, die deutlich mehr verdienen als beispielsweise ein Lehrer, der pro Monat mit zehn US Dollar rechnen kann - sofern die Gehaltzahlung aus der Hauptstadt sich nicht einmal wieder verzögert. Autoabgase sind also kein Problem, denn das Fahrrad übernimmt fast alles. Es ist das wesentliche Transportmittel, auch über Hunderte von Kilometern durch unwegsamen Urwald.

Markt in Lodja
Markt in Lodja

Hotels gibt es in Lodja nicht. Ich lebe auf Einladung von Abbè Pascal Tschombokongo in der Pfarrei, einem soliden Backsteinbau aus dem Jahre 1935, erbaut von Missionaren. Obwohl auch schon hier der Zahn der Zeit zu spüren ist, gibt es hier eine Solidität, die kein anderes Haus in dieser Stadt nach dem Krieg mehr hat: ich kann in einem gemauerten Zimmer wohnen, es gibt gepflegte Toiletten und Duschen unweit des Hauptgebäudes, auch wenn man dort frühmorgens ein Schwein antreffen kann. Mehrere Angestellte sorgen für Sauberkeit, die einen Aufenthalt hier angenehm machen. Alles ist aber weit von Luxus entfernt. Das Essen im Refectoire ist jeden Tag das gleiche: Reis, Fufu (eine Pampe aus Maniokmehl), Pondu (ein grünes Blattgemüse aus Maniokblättern, das wie eine Mischung aus Spinat mit etwas Sandbeimengung schmeckt) und Palmenöl. Zum Dessert gibt es Papaya oder Banane. Und zum Trinken abgekochtes Wasser - ein Luxus. Für eine Wasserflasche müßte ich im Ort 4.50 Dollar bezahlen. Die etwa 10 Priester die hier leben gönnen sich kein anderes Essen als die Menschen im Ort. Und sie verstecken sich nicht. Jeder aus dem Ort hat tagsüber Eintritt. Es kommen viele Personen, die in eine Notlage geraten sind und ersuchen um Beistand und meist auch um finanzielle Hilfe. Nicht wenige Familien verlieren ihren "Ernährer" durch AIDS. Es dürfte im Einzelfall nie ganz einfach sein zu beurteilen, wer nun unverschuldet in Not geraten ist oder nicht. Das Leben ist also auch in den festen Mauern der Pfarrei kein einfaches.

Auf dem Weg
Auf dem Weg nach Lokene

Das Ziel meiner Reise ist aber Lokene, ein Dorf, 170 km nördlich von Lodja. Hierhin eingeladen hat mich Abbé Pascal, der nicht nur das Erzbistum in Lodja vertritt, sondern auch als Priester die weit entfernte Pfarrei von Lokene. Der sonst so ruhige Mann ist morgens um kurz vor 6 Uhr etwas nervös. Eher wortkarg besteigt er in seiner weißen Kutte zusammen mit mir seine Yamaha 125, die uns beide mit dem Gepäck ans Ziel bringen soll. Als ich die Strasse sehe wird mir alles klar: Es ist ein sehr schmaler Pfad, teilweise kaum zu erkennen, unterbrochen von breiten Sandbänken und tief abfallenden Schluchten. Wir kommen nur mit Geschwindigkeit von knapp 20 km pro Stunde weiter, auf den Dörfern können wir die Zeit rausholen - da heult der Motor auf und wir fahren mit 60 Stundenkilometern. Der Gedanke an Geschwindigkeitskontrollen ruft nur ein Schmunzeln hervor, statt Radar kontrollieren hier freilaufende Hühner und Schweine. Die Kinder in den Dörfern sind von sich aus vorsichtig, sie winken freundlich, rufen "Moyo, Papa" was so viel wie "Hallo Priester" heißen soll. Sie halten mich für einen Missionar, warum sonst auch sollte ein Weißer in diese Region kommen?

Kinder im Dorf
Kinder im Dorf

Das Dorf Lokene ist eine eigene Welt. Hier gibt es außer T-Shirts mit Aufdrucken aus einer anderen Welt und einer Krankenstation mit Wellblech nichts, was an unsere Konsumgesellschaft erinnert. Mobiltelephone sind nutzlos, Elektrizität nicht verfügbar, keine geteerten Strassen - die gibt es aber bereits in der Provinzhauptstadt nicht - keine Tankstelle und somit auch kein einziges motorisiertes Gefährt bis auf unsere Yamaha, auf der wir sieben Liter Benzin mitführen. Belohnt wird man in der Nacht mit einem Sternenhimmel, bei dem die einzelnen Sterne der Milchstrasse zu erkennen sind. Unter dieser großartigen Kulisse entwickelt sich nach einem Gespräch mit den Dorfältesten ein Fest, das in seiner Kraft und Spontaneität nicht zu überbieten ist. Ich tanze unter dem monotonen Trommeln der Holzinstrumente und dem Gesang der Frauen in eine Art Trance. Die Frauen besingen mich als "Ozungu Lokene" (der Weiße Mann aus Lokene) und ich bekomme den Strohhut vom Dorfältesten als Geschenk. "Leshesha" ruft Floribert - was so viel heißt wie "voll fett"!

Medizin im Dorf
Medizin im Dorf

Am nächsten Tag arbeite ich als Kinderarzt und untersuche Kinder des Dorfes. Meine Ankunft hat sich herumgesprochen und so stehen Hunderte von Menschen vor dem kärglichen Raum mit Lehmboden, in dem ich auf einem der beiden Stühle sitze. Pascal übersetzt die Angaben der Eltern. Die Kinder haben Krankheiten, die in ihrer Schwere das Spektrum einer deutschen Uniklinik übertreffen: von der Malaria bis zur Knochentuberkulose - und keine Möglichkeit einer Diagnostik, um diese Verdachtsdiagnosen zu bestätigen. Kein Röntgen, kein Labor, kein Mikroskop. Nur meine Augen, meine Ohren und mein Verstand. Das muß reichen. Das ist schwer zu ertragen. Eine Woche zuvor habe ich Labortests im Wert von 300 Euro vorgelegt bekommen, die nach einem Bienenstich eine Allergie ausschlossen. Ein bißchen Verstand und Fortbildung hätte damals ausgereicht.

Röntgen in Lodja
Röntgen in Lodja

Vor der Abreise werde ich reich beschenkt: insgesamt 10 Hühner, die kunstvoll in einen aus Palmenblättern gefertigten Käfig gepfercht werden, eine Bananenstaude und: eine Ziege. Die Ziege wird zum Glück einem jungen Mann anvertraut, der sie uns drei Tagesreisen später in Lodja wieder übergibt. Aber dennoch wird unsere Rückreise mit den Hühnern auf dem Moto zum Albtraum. Nicht, daß die holprige Straße mit den Sandbänken nicht schon genug Herausforderung wäre. Wir verfahren uns, was eine weitere Stunde Abenteuer kostet. In einem Dorf, wo wir gerade auf Tempo 60 beschleunigt haben, springt ein Schwein aus einem Busch direkt vor unser Moto, mit Mühe und viel Kraft gelingt es dem Abbé das Gefährt auf Kurs zu halten, das Tier verabschiedet sich mit dreimaligem Quieken. Auf einem Streckenabschnitt im tiefen Urwald biegen sich hundert Meter vor uns die ineinanderhängenden Äste auseinander. Pascal begreift blitzschnell die Gefahr und rast auf eine kleine Lichtung, wo wir über die Büsche stolpern und zu Fall kommen. Hinter uns fährt ein MAN-Lastwagen des THW aus den 60'ern, vollbeladen mit Säcken und zig Menschen unbeirrt vorbei. Das hätte unser Tod sein können, diese Oldtimer haben meist keine funktionierenden Bremsen und ohne diese Lichtung hätten wir keinerlei Ausweichmöglichkeit gehabt. Wir zittern den ganzen Rest der Fahrt. Entkräftet machen wir Station in Omendjadi. Hier können wir duschen, also abgestandenes und damit weitgehend klares Wasser mit einem Becher auf unseren staubigen Körper gießen. Ich empfinde dies als einen größeren Luxus als das Bad in einem Shangri-La Hotel. Alles ist relativ.

Mädchen in Lodja
Mädchen in Lodja

Am nächsten Morgen sind wir nach vier weiteren Stunden wackliger Fahrt in Lodja zurück. Immer noch kein Strom, aber immerhin kann man hier ein gekühltes Bier bekommen. Es beginnen lange Tage mit Warten auf einen Rückflug: der erste Flug fällt aus, die Maschine am Folgetag fliegt ausnahmsweise weiter nach Goma in den Osten des Landes. Nein, da will ich nicht hin. Ich komme erst am 5. Tag weg mit einer knatternden Antonow AN24, geflogen von drei Ukrainern. Anfangs von Schweiß der Mittagssonne gebadet, nach einer Stunde bibbernd und immer in stickiger Luft lande ich nach zweieinhalb Stunden in der Zivilisation von Kinshasa. Noch eine weitere Luxusstufe: Straßen, Autos, Licht, Restaurants, krachende Musikboxen - eine pulsierende afrikanische Stadt. Ähnlich andern Hauptstädten des Kontinents, aber so anders als die Provinz.

Bis hierher habe ich einige hundert US Dollar an Bestechungsgeldern bezahlt. Der Dollar ist die eigentliche Währung im Land, der einheimische Franc ist nur für Kleinbeträge. Daran sind korrupte Menschen nicht interessiert. Trotz Intervention eines kongolesischen Freundes und eines einheimischen Rechtsanwaltes muß ich bereits am Flughafen Kinshasa nach zähen Verhandlung 100 USD berappen: Mein Ziel Lodja liegt in einer "Zone miniere". Und ein Ozungu (weißer Mann) kann ja nur dorthin reisen, um Diamanten zu holen, was sonst? Dort angekommen will auch der Offizier am kleinen Flughafen Geld. Gleich 700 USD. Nur zähe Verhandlungen über fünf Tage senken den Preis auf 70 USD und ich bekomme meinen Paß wieder, der in diesen Tagen als Trophäe herumgereicht wird. Eine eigene Welt.

Kriegsbewältigung
Kriegsbewältigung

Inzwischen fanden die Wahlen im Kongo am 30. Juli statt. Der amtierende Präsident Joseph Kabila konnte die erforderliche absolute Mehrheit von 70% nicht erreichen, so daß eine Stichwahl mit seinem Herausforderer Jean-Pierre Bemba am 29. Oktober erforderlich sein wird.

Alle Menschen die ich traf sehen die Wahl als eine Chance für grundlegende Veränderungen nach jahrelangen kämpferischen Auseinandersetzungen. Zugleich gibt es eine große Skepsis, ob Vizepräsident Jean-Pierre Bemba im Falle eines Wahlsiegs von Joseph Kabila bereit sein wird seine Privatarmee aufzulösen und sich am weiteren Aufbau des Landes zu beteiligen. Der Kongo ist reich - reich an Natur und an Bodenschätzen. Das weckt Begehrlichkeiten auf vielen Seiten, nicht nur im Inland. Und dies dürfte der Grund sein, warum eine friedliche Entwicklung des Landes so schwierig wird. Vom Kongo profitieren sehr viele Menschen. Konzerne im Ausland, einige hohe Politiker, aber auch Scharen von kleinen Beamten. Sie werden in einer schweigsamen Allianz versuchen, daß alles so bleibt wie es ist. In den ersten Augusttagen haben wir über die Medien erfahren können, wie schnell die Stimmung eskaliert und eine unübersichtliche Situation entsteht. Alle Beteiligten waren froh, daß Nachwahlen erforderlich sind. Aber irgendwann ist die Stunde der Wahrheit. Und irgendwann wird wohl in den ersten Novemberwochen sein.

Trance
Trance

Der Kongo ist so reich und wunderbar: seine friedlichen Menschen, seine herrliche Natur und die heiße Musik. Fehlt "nur" noch der Friede. Leshesha!